Zimmer 202 – Peter Bichsel in Paris
Er ist wie eine hintersinnige, kluge Verkörperung des Schweizertums, der einzige populäre Schweizer Intellektuelle: Peter Bichsel. Aber kennen wir ihn auch wirklich, unsern modernen Volksschriftsteller? Der Dokumentarfilm «Zimmer 202 – Peter Bichsel in Paris» von Eric Bergkraut kann nachhelfen. Er liefert auf wunderbare, kluge Art Informationen zur Person – und viel mehr.
Der Filmemacher hat den Schriftsteller nach Paris eingeladen, wo dieser noch nie war und auch nie hin wollte. Aus Freundlichkeit und des Abenteuers wegen wohl hat er eingewilligt und bestieg den Zug nach Paris. «Weist du schon, was du heute unternehmen willst?», fragte ihn Bergkraut am ersten Tag, und dieser antwortete: «Ich bin jetzt einmal hier. Ich muss eigentlich gar nichts unternehmen. Ich kann mich auch auf eine Bank setzen und eine Zigarette rauchen und zuschauen», was er dann auch tat. Er schaut zu, er schaut hin. Er hat Zeit und verliert seine Zeit an die Welt, auf eine Weise, die an «Le petit prince» von Antoine de Saint-Exupéry erinnert.
Während fünf Tagen bleibt er im Hotel «Gare de l’Est» und schaut vom Fenster aus auf Paris und die Menschen in Paris, geht mal um den Bahnhof herum, schaut am Fernsehen die Tour de France. Was er schaut und hört, das steht für die ganze Welt. Die Menschen, denen er im Haus und auf den Strassen begegnet, stehen für alle Menschen, für den Menschen. Erst am Schluss besteigt er die Metro und fährt in den Jardin de Luxembourg, zum Karussell, das Rainer Maria Rilke einst in seinem berühmten Gedicht beschrieben hat. Ein Höhepunkt der Paris-Reise der andern Art!
Unter anderem war er auch Schulmeister.

Die zwischen die Paris-Sequenzen montierten Rückblenden und Statements stellen Peter Bichsel in vielen seiner Facetten vor: als Ehemann und Junggeselle, als erfolgreicher Poet, als politisch Engagierter, als Zuschauer bei Schwingfesten, als Koch, als Gast im Wirtshaus und als Schulmeister, dessen Überlegungen wohl auch heute noch Gültigkeit haben. Hier ein Ausschnitt:
«Ich bin sehr gern in die Schule gegangen als Lehrer. Ich habe die Schüler in den Ferien vermisst. Sie waren verunsicherte Schüler, ich war ein junger, verunsicherter Lehrer. Und ich hatte nach jeden Ferien, nach drei Wochen Ferien oder nach fünf Wochen Ferien grässliches Lampenfieber. Ich wollte nicht vor ihnen scheitern. Und nicht vor ihnen scheitern wollen, das heisst, sie ernst nehmen. Einer der nur Macht ausübt, dem ist es wurst, wenn er scheitert. Er hat ja die Macht.»
Alles, was Bichsel im Film sieht, hört und erlebt, das sieht, hört und erlebt er als Amateur, als Liebhaber der Menschen, der Welt, des Lebens. Eine Haltung, die sich vielleicht auch für Lehrerinnen und Lehrer eignen könnte, um eine menschliche Schule zu behalten oder fördern.
www.achaos.ch: Ab 25. März ist ein medienpädagogisches Dossier herunter zu laden.

