Der Verdingbub

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Ein Schweizer Spielfilm, der auf Tausenden von wahren Geschichten beruht

Für die Älteren unter uns ist der Begriff «Verdingbub» noch vertraut, muss nicht im Lexikon gesucht oder bei Wikipedia gegoogelt werden. Doch wie sich das Leben von Verdingkindern wirklich abgespielt hat, dürften die meisten nur vage gekannt haben. Der Spielfilm «Der Verdingbub» des Schweizers Markus Imboden kann hier eine Lücke schliessen, bietet ein anderes Narrativ des letzten Jahrhunderts in der Schweiz als dasjenige, welches wir aus den Geschichts- und Schulbüchern oder aus «Heidi» von Johanna Spyri kennen. Gerade für ältere Menschen dürfte der Besuch dieses Filmes schon deshalb höchst interessant sein, weil wir hier unsere eigene Kinder- und Jugendzeit – oder zumindest jene vieler unserer Zeitgenossen – einmal mit andern Augen betrachten können.

Max und der Bösiger-Sohn Jakob

Der Film erzählt die Geschichte des Waisenkindes Max, dessen grösster Traum es ist, Teil einer «richtigen Familie» zu werden. Dieser scheint sich zu erfüllen, er wird an die Bauernfamilie Bösiger verdingt. Doch seine Pflegeeltern behandeln ihn wie ein Arbeitstier, und der Sohn Jakob demütigt ihn aus Eifersucht. Das Handorgelspiel ist das Einzige, was ihm niemand nehmen kann. Daraus schöpft er Mut und bekommt das zum Leben notwendige Quäntchen Selbstachtung. Als die neue Lehrerin sein musikalisches Talent erkennt, darf er sogar am lokalen Schwingfest vor der Gemeinde spielen. Doch das Glück dauert nicht lange, die Missgunst obsiegt. Als sie sich für ihn einsetzt, wird das Leben für ihn noch schlimmer. Den Willen zum Überleben gibt ihm die Freundschaft mit dem gleichaltrigen Berteli. Weil dessen verwitwete Mutter die Familie nicht ernähren konnte, wurden ihre Kinder an Bauern verdingt. Mit diesem Mädchen erträumt Max sich eine Zukunft in Argentinien, wo in seiner Fantasie nur Fleisch gegessen wird und die Heugabeln aus Silber sind. Doch da schlägt die Brutalität erneut zu. Erst dank eines unerwarteten Verbündeten schafft er die Flucht und macht sich auf, den Traum «Argentinien» Wirklichkeit werden zu lassen, mit der Gewissheit, draussen in der Welt kann es nur besser werden.

Tödliche Gewalt und lebendige Musik

Der Film zeigt, dass es auch in der so genannten guten alten Zeit, die bei uns bis 1950 gedauert hat, massive Gewalt gab: strukturelle, installiert von Kirche und Staat, körperliche, angewandt in Familie und Arbeit, sexuelle, vertuscht wie überall und immer, und psychische, die erniedrigt und entmenschlicht.

Was beim Film «Der Verdingbub» tief beeindruckt und dem Werk Allgemeingültigkeit verleiht, nachdem die Story bereits auf Tausenden von Geschichten beruht, ist der übermenschliche Wille des Verdingbuben zum Überleben. Dieser «Élan vital» durchdringt Max, ist konkretisiert in der Handorgel, auf der er am Anfang Ländlermusik, am Schluss Tango spielt.

Die Lehrerin unterstützt Max in seinem Traum

Schnörkellos und unverkrampft ist die Geschichte erzählt, eindrücklich sind die Schauspieler und Schauspielerinnen. «Der Verdingbub» rüttelt auf, empört sich gegen die Ungerechtigkeit und stellt sich gegen eine «Viehhaltung» von Menschen, denunziert die Verlogenheit, die sich unter dem Mantel des Althergebrachten verbirgt. Er folgt den Spuren des Glückes und des Unglücks. Eine Schweiz wird uns vorgeführt, die Angst hat vor Neuem. Dieses Neue verkörpert die junge Lehrerin, eine Frau und erst noch eine unverheiratete. Sie steht ein für das Recht auf Bildung, auch für Verdingkinder. 1950 gehörte sie zu den Fortschrittlichen im Lande und musste für ihre Zivilcourage teuer bezahlen. Der Film handelt von einem Jungen, der sich wehrt, beflügelt von einer Leidenschaft, dem Handorgelspiel. «Dunkelmatt» heisst zwar der Ort, wo Max lebt, doch dunkel heisst nicht schwarz und meint nur, dass hier die Schatten länger sind als anderswo. «Der Verdingbub» ist ein Drama, in dem irgendwann die Dinge ihren unerbittlichen Lauf nehmen wie bei einer griechischen Tragödie.

Mutter Bösiger und Berteli, schicksalhaft miteinander verstrickt

Was sind eigentlich Verdingkinder?

Es waren meist Waisen- und Scheidungskinder, die zwischen 1800 und 1950 von den Behörden den Eltern weggenommen und Interessierten öffentlich feilgeboten wurden. Bis zum Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurden die Kinder oft auf einem Verdingmarkt versteigert. Den Zuspruch bekam jene Familie, welche am wenigsten Kostgeld verlangte. In einigen politischen Gemeinden soll diese Praxis noch nach 1950 üblich gewesen sein. Betroffene beschreiben, dass sie auf solchen Märkten «wie Vieh abgetastet wurden». In anderen Gemeinden wurden sie wohlhabenderen Familien durch Losentscheid zugeteilt. Zugeloste Familien wurden gezwungen, solche Kinder aufzunehmen, auch wenn sie eigentlich gar keine wollten.

Sie wurden meistens auf Bauernhöfen wie Leibeigene für Zwangsarbeit eingesetzt, meist ohne Lohn und Taschengeld. Nach Augenzeugenberichten von Verdingkindern wurden sie häufig ausgebeutet, erniedrigt oder gar vergewaltigt. Einige fanden dabei den Tod. Misshandlungen wurden nur sehr selten verfolgt. Wenn solche behördlich festgestellt wurden, hat man den Pflegeeltern das Recht, neue Verdingkinder zu «erwerben», für mindestens fünf Jahre entzogen.

Neben der Verfolgung der Jenischen durch die Organisation «Kinder der Landstrasse», deren Kinder selbst häufig von verschiedenen Amtsstellen und privatrechtlichen Institutionen verdingt wurden, gilt die Verdingung als eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren Schweizer Sozialgeschichte. Erst in den letzten Jahren griffen die Medien dieses Thema intensiver auf, nachdem es lange Zeit verdrängt worden war.

Ähnlich wie in Amerika die Ungerechtigkeit gegenüber den Indianern offiziell nie zugegeben und öffentlich stets verdrängt wurde, ist dieses Kapitel aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit und Politik verdrängt und in den Geschichts- und Schulbüchern ausgespart. Politischer Handlungsbedarf scheint heute unbedingt angesagt.

Mehr zum Thema im Beobachter-Artikel «Verdingkinder: Man nahm ihnen sogar das Sparbüchlein weg»

Der Trailer zum Film

Ab 8 November findet im Schulhaus Kern, Kernstrasse 45, Zürich, die Ausstellung «Verdingkinder reden» statt.

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