Sterben geschieht (fast) immer zur falschen Zeit

Vor einem Monat bekam mein Freund eine lebensbedrohende Krebsdiagnose, gestern stand ich am Grab einer Nachbarin, heute erfahre ich von der tödlichen Krankheit eines Verwandten. Das sind Gründe, warum ich hier vier Filme über das Sterben. Das kann auch Sinn machen; denn Sterben geschieht (fast)immer zur «falschen» Zeit. – Der Dokumentarfilm«früher oder später» begleitet Sterbende bis zum Ende. Der Dokumentarfilm «besser sterben» zeigt eine vorbildliche Einrichtung der palliativen Medizin, wo möglichst menschenwürdig gestorben wird. Der Spielfilm «Son frère» lässt uns Abbau und Enden eines Menschen verfolgen. Der Spielfilm «Les invasions barbares» stellt Sterben als Teil der Lebensfeier dar.

«Früher oder später» – Das Intime öffentlich gemacht

Der Schweizer Dokumentarfilmer Jürg Neuenschwander begleitete sieben todkranke Menschen bis zum Tod. Diese konnten «ihren» Film nicht mehr sehen, bieten uns jedoch an, sie in diesen schweren Stundenzu erleben: zum Nachdenken und zur Besinnung auf den eigenen Tod. Der Film macht das Intime des Sterbens öffentlich.

Ehrfurcht vor dem Leben und dem Sterben durchdringt das Werk des Berners Regisseurs und seines Kameramanns Philippe Cordey. «Man braucht den letzten Atemzug nicht zu filmen. Er findet in meinem Film im Kopf statt», meint der Autor und gibt an, wie es weiter gehen soll.Wir haben den Prozess «probehandeln» zu Ende zu führen.

«Besser sterben» – An einem humanen Ort

DieSchweizer Dokumentaristin Marianne Pletscher hat einen Fernsehfilm gedreht über den Alltag in der geriatrischen Abteilung im Spital Limmattal bei Zürich, wo der Umgang aller Beteiligten mit dem Sterben auf eine besonders würdige Weise gelebt wird. Im Allgemeinen haben Menschen Angst, nicht in Würde mitentscheiden und gehen zu dürfen, ohne liebe Menschen, allein im Spital sterben zu müssen. Der Film zeigt Gegenbilder zu diesen Angstbildern.

Das Filmteam von Pletscher mit dem Kameramann Werner Schneider und das Pflegeteam zeigen, «was man alles darf, wenn man nichts mehr kann». So starben drei Menschen während des Drehs, und gleichwohl steht nicht der Tod, sondern der Wunsch auf Leben im Zentrum. Nicht Lebensverlängerung um jeden Preis ist die Maxime,sondern Pflege, die allen hilft, bis zum letztmöglichen Moment sinnvoll zu leben.

«Son frère» – Wie ein Mensch endet

Thomas,der seit längerem an einer Blutkrankheit leidet, hat einen Rückfall erlitten. Unter diesen Umständen entscheidet ersich, den Kontakt zu Luc wieder aufzunehmen, seinem Bruder, den er seitLangem nicht mehr gesehen und mit dessen Homosexualität er Probleme hat. Während Thomas» Krankheit unabwendbar voranschreitet, überwinden die beiden Brüder ihre Entfremdung, kommen sich näher, werden sich ihrer Liebe füreinander bewusst. Gemeinsam stehen sie das Martyrium der Krankheit durch, bis Thomas den Kampf aufgibt. Dann unternehmen sienoch gemeinsam eine letzte Reise ins Haus der Familie am Meer.

Das ist«ein Film über Körper, über die Degradierung eines Körpers, die Transformation von Gesichtern, ein Film über Stille», meint der französische Regisseur Patrice Chéreau. Das Meer steht für das Leben wie für den Tod. In einer zärtlichen Umarmung nimmt es Thomas zu sich. Der Film zeigt den Gefühlskampf des Sterbens in all seinen Facetten: den Schock, die Wut, die Resignation und die Aggression.

«Les invasions barbares» – Beim letztes Abendmahl

Der Geschichtsprofessor Rémy, ein links intellektueller Achtundsechziger, Anfang fünfzig, liegt todkrank im Spital. Seine Ex-Frau Louise bittet ihren gemeinsamen Sohn, aus London anzureisen. Als dieser auch noch die gesamte Familie, die alten Freunde und ehemaligen Geliebten um sein Krankenbett versammelt, kommen dieTräume von damals und die Errungenschaften und Niederlagen von heute zur Sprache. Der Film wird zur Auseinandersetzung mit dem sozialen Wandel, mit dem Älterwerden und dem Tod – ehrlich,witzig, glasklar und bewegend.

Der kanadische Regisseur Denys Arcand zieht Bilanz, lässt nochmalsseine Generation und deren Überzeugungen Revue passieren. Sie sind nicht abtrünnig geworden und haben dem alternativen Leben wie der Libertinage jener Jahr nicht abgeschworen, doch mit den wechselnden intellektuellen Moden spielend schliesslich ihren Frieden gefunden. Wir erleben mit den alten Freunden am Sterbebett ein Mahl der Begegnungen und Offenbarungen, der Frivolität und des Tiefsinns: ein letztes Abendmahl.

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