Sozial begleiten – probehandelnd mit Filmen
Menschen sozial begleiten verlangt offene Ohren, wache Augen und Zuwendung. Ein Teil kann angeboren sein, ist Begabung, ein Teil kann gelernt werden, ist Profession. Anteil nehmen gehört aber nicht nur zur Sozialen Arbeit, sondern auch zur Kunst. Im Erleben der Kunst tun wir es. Gelegenheit für dieses Probehandeln bietet auch das Kino. Dazu soll der folgende Hinweis auf Spielfilmen des aktuellen Kinoangebotes dienen.
«Lovely Rita» von Jessica Hausner
Die 15-jährige Rita ist eine Aussenseiterin. In der Schule hat sie keine Freundinnen. Wenn sie zu frech wird, sperren sie ihre Eltern ein. Ihr tapsiges sexuelles Erwachen führt sie zu Zärtlichkeiten mit einem zu jungen Nachbarsbuben und einem zu alten Busfahrer. Diese Beziehungen isolieren sie noch mehr von ihrer Umwelt, bis Rita ausbricht und sich Luft holt. Sie überschreitet, wie viele andere in diesem Alter, Grenzen, tut Dinge, die man eigentlich nicht tun sollte. – Die empathischen Bilder der Pubertät, wie sie der Film zeigt, rufen bei uns eigene Erfahrungen jener schwierigen Zeit wach, mit denen wir lernen können, andere besser zu verstehen.
«Y tu mama también» von Alfonso Cuarόn
Das Leben der 17-jährigen Julio und Tenoch wird beherrscht von ihrer Freundschaft, ihrem stets erhöhten Hormonspiegel, ihrem Hineintorkeln ins Erwachsendasein. Während einer Familienfeier lernen sie Luisa kennen, eine 28-jährige Spanierin, flirten mit ihr, laden sie aus Spass zu einer Reise an einen Traumstrand mit dem verheissungsvollen Namen «Boca del cielo» (Öffnung des Himmels) ein. Aus enttäuschter Liebe nimmt die Frau ihre Avancen gern an und erwidert sie mit Bravour. Alle drei stürzen sich in die Welt der Sexualität. – Was wie ein konventioneller Sexfilm beginnt, wird, sinnlich, emotional und humorvoll, ein starker Film über Leben, Freundschaft, Unschuld, Sex und Tod.
«Ghost World» von Terry Zwigoff
Enid und ihre Freundin sind voll durchgeknallt, alle Dämonen der Pubertät sitzen ihnen in den Knochen. Sie findet diese Welt unerträglich. Nur Unzulänglichkeit und Dummheit, soweit das Auge reicht! – Der Film handelt von den Schwellenängsten und vom Unbehagen am Rande zum Erwachsen-Sein. Angesiedelt ist der Entwicklungsroman in einer namenlosen amerikanischen Vorstadt. Er überzeichnet alles, um so, wie mit einem Zerrspiegel, die Absurdität erst richtig absurd erscheinen zu lassen.
«Tanguy» von Etienne Chateliez
28 Jahre ist Tanguy und lebt als «erwachsenes Baby» immer noch bei seinen Eltern, bis diese es nicht mehr aushalten und fast den Verstand verlieren. – Zugespitzt, übertrieben und auf den Kopf gestellt wird, was wir unter Erwachsen-Werden verstehen. Wir erleben, was geschieht, wenn dies misslingt, welche Folgen das für Tanguy und seine Eltern hat. In seiner Frechheit provoziert der Film zum Weiterdenken: über den alten Jungen, aber auch seine Eltern. Ein frecher Diskurs über Nähe und Distanz, Familienkriege und Familiensymbiosen.
«Some Yoices» von Simon Cellan Jones
Eine delikate Liebesgeschichte, eine bezaubernde Komödie, emotionsgeladen und unkonventionell wie das Leben in London. Ray, ein rätselhafter und liebenswerter junger Mann, wird aus der Psychiatrie entlassen. Er zieht zu seinem Bruder, der obwohl total überarbeitet, ihn intensiv umsorgt. Alles beginnt gut. Doch eines Tages verliebt er sich Hals über Kopf und unsterblich in Laura, ein wildes Girl mit ganz eigenen Problemen. – Zwei Menschen versuchen in diesem Film, im Niemandsland zwischen Normal und Abnormal, Ordnung und Sinn in die Verrücktheit ihres Lebens zu bringen.
«L'ultimo bacio» von Gabriele Muccino
Carlo, Adriano, Paolo, Alberto und Marco sind Freunde fürs Leben, alle kurz vor dreissig. Sie wollen alles, hier und jetzt, obwohl sie irgendwie Teenager geblieben sind. Ihre Träume und Sehnsüchte nach Liebe, Familie, Freiheit und Unabhängigkeit stehen im Widerspruch zur Realität, die Verantwortung verlangt. Die Nachricht von Marcos» Heirat stürzt die andern in ein Beziehungschaos und immer neue Verwirrungen. – Im Milieu der Neureichen angesiedelt eine moderne «éducation sentimentale», zwischen Heirat und Seitensprung, zwischen Anpassung und Auflehnung.
«Birthday» von Stefan Jäger
Mit einer zugleich atemlosen und dennoch sicher geführten Kamera gelingt es dem zweiten langen Film des Schweizer Regisseurs, das Lebensgefühl von zwei Frauen und zwei Männern auszuloten. Vier Freunde haben sich geschworen, sich nach vielen Jahren wiederzusehen, um ihren dreissigsten Geburtstage miteinander zu begehen. – Diese Feier wird für alle zur Gelegenheit für eine existentielle Besinnung, in denen es um Vergangenheit und Zukunft, Freundschaft und Streit, Älterwerden, Leben und Tod und die Vorstellung von Bibiana, dass mit dreissig Schluss ist, geht.
«Italian for Beginners» von Lone Scherfig
Der junge Pastor Andreas, die Friseuse Karen, die Verkäuferin Olympia, der Hotelportier Jørgen, der Restaurantmanager Hal-Finn und die Kellnerin Giulia haben drei Dinge gemeinsam: Sie wohnen im selben Vorort von Kopenhagen, sind Singles und vom Leben nicht gerade verwöhnt. Der erste Dogma-Film einer Frau ist die Geschichte einer Handvoll Leute, die sich mehr oder weniger zufällig im Italienischsprachkurs treffen. – Was hier zwischen den Menschen passiert, ist Spiel, das Spiel des Lebens.
«La stanza del figlio» von Nanni Moretti
Was geschieht mit einer Familie, die ihren 16-jährigen Sohn durch einen tödlichen Unfall verliert? Diese Frage stellt sich der italienische Autor in seinem Film, überlegen und emotional berührend. Er selber verkörpert den überbesorgten Vater, einen glücklich verheirateten Psychoanalytiker, dessen beschauliches Leben durch den Tod in seinen Grundfesten erschüttert wird. – Der Film denkt über das Leben im Angesicht des Todes nach, verzichtet auf vorschnelle Antworten und entlässt uns doch mit einem Hoffnungsschimmer.
«Eu, tu, eles» von Andrucha Waddington
Nachdem Darlene von einem Mann sitzen gelassen wurde, kehrt die Enttäuschte mit ihrem Sohn aus der Stadt aufs Land, eine Landschaft im Nordosten Brasilien, zurück. Sie heiratet den stolzen Osias, der jedoch den lieben langen Tag in der Hängematte döst. Als zweiten Mann holt sie den verwitweten Vetter ins Haus. Doch erst der junge Feldarbeiter beglückt sie wirklich. – Der Film ist die poetische Erzählung einer Frau mit drei Männern. Er thematisiert auf unterhaltsame und dennoch tiefsinnige Weise die Liebe der Männer und die Liebe der Frauen.

