Solothurner Filmtagen 2006: Entdeckungen

Geht man als professionelle Sozialarbeiterin oder als ein an der Sozialen Arbeit interessierter Laie an die Solothurner Filmtage, so kommt man jedes Jahr auf seine Rechnung. Hier meine diesjährigen Entdeckungen, die Auswahl bleibt zufällig. Ich befragte die gezeigten Filme nach ihren Antworten auf individuelle und soziale Wirklichkeiten, genau so wie man sonst Bücher befragt. 

«Geschwister Vogelbach» – Im Gespräch Probleme lösen

«Bad news are good news» heisst das Gesetzt, nach dem der Mainstream der öffentlichen Kommunikation läuft, die jedoch kaum Meinungen verändert, sondern bloss bestätigt, was man schon wusste und konnte. Wirkliches Lernen ermöglichen Medien nur, wenn sie differenzierte, mehrdimensionale Bilder und Aussagen vermitteln. Im Dokumentarfilm «Die Geschwister Vogelbach» stellt Luzia Schmid, in diesem Sinne, eine Familie mit deren Eltern Claudia und Peter und ihren Kindern Seba, Niko und Sophie vor. Die Familie könnte aus dem Bilderbuch stammen, an idyllischem Ort, in einem grossen Haus, mit schönem Garten in Süddeutschland. Wäre da nicht Luca mit seiner Behinderung. Meist dreht sich alles um ihn, der sich nur mit Gesten und Lachen verständigen kann und schnell ungeduldig wird, wenn etwas nicht gelingt oder er nicht bekommt, was er will.

Auf subtile Weise lässt uns die Filmemacherin dabei sein und hautnah erleben, was zwischen den Menschen abläuft. Vorbildlich die Gesprächskultur dieser Familie! Mehr als Berge von Theorien zum Umgang mit behinderten Menschen erleben wir hier eine Praxis, machen wir Erfahrungen, werden sensibilisiert und haben Gelegenheit zum «Probehandeln» in dieser speziellen Form der Kommunikation.

«Zwischen den Welten» – Good news are good news

Der Schriftsteller und Filmemacher Yusuf Yesilöz porträtiert in diesem Dokumentarfilm den gelungenen Integrationsprozess von Güli Dogan, die im Alter von neun Jahren aus einem kurdischen Dorf in die Schweiz immigriert ist. Sein Film zeigt die heute 35-jährige Frau an ihrem Arbeitsplatz im Winterthurer Einwohneramt, im Alltag mit ihren Töchtern, ihrem Mann, ihren Schweizer Freundinnen und bei Besuchen von älteren, in der Tradition ihrer Heimat verhafteten Landsleuten. Der Film bewegt sich zwischen den folgenden Aussagen: «Du hattest eine Zeit, da wusstest du nicht mehr, wohin du gehörst. Du warst keine glückliche Schweizerin, aber auch keine glückliche Türkin» (Sandy, Gülis Schweizer Freundin) und Gülis eigene Feststellung «Ich bin Türkin und ich bin Schweizerin».

Dank ihrer Offenheit und Spontaneität wird auf eindrückliche Weise der Spannungsbogen zwischen ihrem heutigen Leben in der Schweiz und ihren Sehnsüchten nach dem türkischen Bergdorf ihrer Kindheit spürbar. Die Kinder versucht sie vorerst an die Kultur der neuen Heimat heranzuführen und hofft, ihnen später den Zugang zur Tradition zu verschaffen.

«Ryna» – Von Männern behindert, Frau zu sein

An einem einsamen Ort am Donau-Delta im Nordosten Rumäniens lebt Ryna zwischen traditionellen Werten und materialistischen Träumen mit Vater, Mutter und Grossvater. Sie ist sechzehn Jahre, trägt das Haar kurz wie ein Junge; denn ihr Vater wünschte sich einen Sohn und erzieht sie wie einen Mann. Als solcher arbeitet sie mit schmutzigen Arbeitskleidern in der Garage. Ihr Alltag ist eintönig; nur heimlich flieht sie ans Meer, um zu fotografieren. Eines Tages begegnet sie einem charmanten, jungen Franzosen, der als Doktorand nach Sulina gekommen ist. Ohne Wissen ihres Vaters trifft sie ihn ein zweites Mal an einem Ball im Dorf, was der Postbeamte, der in sie verliebt ist, dem Vater erzählt. Wütend will dieser sie sofort zurückholen. Spät nachts fährt Ryna ihren betrunkenen Vater und den Bürgermeister nach Hause. Jener schläft ein und dieser benutzt die Gelegenheit, um sie mitzunehmen. Erst Tage später findet man es verstört und blutbefleckt. Der Grossvater weiss, was geschehen ist, und bringt sie ins Krankenhaus. Um Ärger zu vermeiden und den Vater zu schützen, erfindet sie eine Geschichte ohne Kläger und ohne Schuldigen: der letzte Dienst, den sie ihrem Vater erweist, bevor sie abreist.

Mit starken, eindringlichen Bildern, die immer wieder wie «paysages d’âme» die Situationen begleiten, erzählt die in Rumänien geborene und heute in Genf lebende Ruxandra Zenide in ihrem Spielfilm die Geschichte einer jungen Frau, die daran gehindert wird, Frau zu werden und zudem vergewaltigt wird. Ein bedrückender Film über das unterdrückte Selbstverständnis einer Frau in einer von Männern regierten Welt.

«Wer war Kafka?» – In die Seelengründe abtauchen

Vor einigen Jahren war Franz Kafka einer der Grossen der Weltdeutung. Heute ist er in Vergessenheit geraten, weshalb es als Verdienst des Schweizer Dokumentaristen Richard Dindo zu werten ist, diese grosse Figur der Weltliteratur wieder auferstehen zu lassen. Er tut es, indem er die Personen im Umfeld des Dichters, Max Brod, Gustav Janouch, Felice Bauer, Milena Jesenka, Dora Diamant und Max Pulver – durch Schauspieler verkörpert – über ihre Beziehung zu ihm sprechen lässt und dies durch Kafka-Texte ergänzt.

Dindos Bilder und Texte nähern sich vorsichtig der Person des Dichters, der sein Leben «als Zögern vor der Geburt» empfunden und erlitten hat. Sich in diese «vorgeburtliche Phase» zu versetzen, ist wertvoll. «Franz Kafka hat mir geholfen, mich selber und die anderen besser zu verstehen.» Für Dindo ist der Dokumentarfilm eine «Kunst der Biografie». Er hat Schriftsteller verfilmt, weil er davon ausgehe, dass diese mehr von sich preisgeben als andere und deren «Wahrheit» man so erfahren könne. «Um sich selbst zu verstehen, muss man von einem andern verstanden werden. Um vom andern verstanden zu werden, muss man den andern verstehen», meint der Kommunikationswissenschafter Thomas Hora. Der Film «Wer war Kafka?» kann als «Übungsfeld» für diese Schule des Lebens dienen.

Vom Mit-Wissen zum Mit-Sein

Mit diesen Filmen habe ich keine neue Theorie über das Verhalten der Gesellschaft gewonnen, weiss ich nicht mehr. Ich habe das Leben von Einzelpersonen erlebt. «Was mich zum Romanautor macht, ist ein prinzipielles Misstauen, Dinge zu generalisieren», meint der amerikanische Erfolgsautor John Irving.» Nicht um das Generelle geht es in der Kunst, sondern um die Einzelne und den Einzelnen. Wenn ich solche Filme sehe und sie bei mir ankommen, kann ich mehr, spüre ich besser, was zwischen Menschen geschieht, bin ich dabei, nehme Anteil, erwächst bei mir Sympathie: Mit-Leid, Mit-Freude, Mit-Sein.

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