Prävention mit Filmen

Auf die Frage, wie Filme wirken, antworten die einen, sie manipulieren, die andern, sie bewirken nichts. Beide Antworten müssen genauer betrachtet werden. Kaum je lässt ein Film völlig kalt, insofern man seine kurz- und langfristigen Reaktionen berücksichtigt, doch dürfen diese nicht verallgemeinert werden. Sie erweisen sich, im Blick auf die Zukunft, als eine Art Prävention. – Drei aktuelle Kinofilme mögen dies illustrieren: der Schweizer Dokumentarfilm «Klingenhof» von Beatrice Michel, der Deutsche Dokumentarfilm «Rhythm is it!» von Thomas Grube und Enrique Sanchez Lansch und der Japanische Spielfilm «Nobody Knows» von Hirokazu Kore-eda.

Probehandeln

Wie funktioniert diese Prävention konkret? Vor der Leinwand oder am Bildschirm erleben wir Geschichten, indem wir uns mit ihnen identifizieren. Wir projizieren unsere Bedürfnisse mehr oder weniger in die Filmfiguren und introjizieren die Filmhandlung ganz oder teilweise in unsere Gefühls- und Denkwelt. Während neunzig Minuten leben wir das Leben anderer und spielen deren Rollen. Das ist Prävention! Wir üben die Auseinandersetzung mit andern Lebenssituationen, suchen Lösungen, üben Lebenskunst wie sonst Mathematikformeln oder Grammatikregeln.

«Klingenhof» – Ein Spielfeld zum Leben

Nicht nur Personen, auch Orte können uns in einen solchen Prozess hineinziehen. Auf wunderbare Weise macht dies der Film «Klingenhof», indem er uns einen Innenhof in Zürichs Kreis 5, die Häuser rundherum und die Menschen darin als Kosmos vorgestellt. Die Idee dazu entstand aus dem Impuls, einmal vor der eigenen Haustür zu filmen. Wir erleben Geschichten und Schicksale unter dem Motto von Claudio Magris: «Jeder Ort kann Mittelpunkt der Erde sein».

Hier können wir uns mit existenziellen Fragen auseinandersetzen. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wo bin ich zu Hause? Was heisst Heimat, was Fremde? Was bedeutet Nachbarschaft, was Freundschaft? Wie leben Alte, wie Junge? Welche Abenteuer sind hier möglich? Überschattet wurde die Filmarbeit durch den frühen Tod des Gefährten und Kameramanns Hans Stürm, was in den Film zusätzlich das Thema des Sterbens einbrachte.

«Rhythm is it!» – Musik und Tanz zum besseren Leben

250 Kinder und Jugendliche aus 25 Nationen, meist ohne jede Erfahrung mit klassischer Musik, proben eine Choreografie zu Igor Strawinskys «Le Sacre du Printemps». Was vielleicht als nette Abwechslung im Schulalltag begonnen hat, wird für die jungen Menschen zur Reise ins eigene Ich. Auf Augenhöhe mit drei Protagonisten erzählt der Film vom ersten Education-Projekt der Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle. Er hatte dafür den Choreografen Royston Maldoom, der seit dreissig Jahren auf der ganzen Welt ähnliche Tanzprojekte durchführt, engagiert.

Ein mitreissendes und gleichzeitig zärtliches Werk ist entstanden: über das Vertrauen zu sich und andern, über die Grenzen sprengende Kraft der Musik und des Tanzes, über die Selbstentdeckungen, die junge Menschen machen, wenn sie ernst genommen und zugleich gefordert werden. Der Film plädiert für Kunst und Erziehung. Kunst nicht verstanden als Luxus, der die Umwelt bloss verschönert, sondern als Notwendigkeit, die Sinn macht; Erziehung nicht als Sammlung von Rezepten, sondern als Geburtshilfe zum besseren Leben.

«Nobody Knows» – vom Elend und Segen des Alleinseins

Eine Mutter, so erzählt dieser Film nach einer wahren Begebenheit, hat vier Kinder, jedes von einem andern Vater, welche jedoch alle abwesend sind. Bald zieht auch die Mutter weg, um Geld zu verdienen. Sie lässt die Kinder in einer kleinen Wohnung zurück, betreut vom Ältesten. Nun leben sie abgeschlossen von der Aussenwelt in Tokyo. Zur Schule gehen sie nicht, denn sie sind nicht gemeldet. Auf sich gestellt, beginnen sie, inmitten der modernen Grossstadt, allmählich zu verwildern. Zögernd verlassen sie ihr Heim und begeben sich auf eine magische Odyssee der Entdeckung ihrer Welt, tragisch und poetisch zugleich in Szene gesetzt.

«Der Zerfall der Familien ist ein globales Phänomen», meint der Regisseur und hebt die negative Dimension des Werkes hervor: das Leben ohne das, was der Mensch braucht: Zuneigung, Geborgenheit, Mit-Sein. Die positive Seite indes ist ein Phänomen, das Staunen lässt: Wie die Kinder miteinander umgehen, wie sie die Welt und das Leben erlernen, wie ihr jugendlicher «élan vital» sie wachsen und reifen lässt!

Von der Hinterbühne auf die Vorderbühne

Vom Soziologen Erwing Goffman stammt der Begriff der «Hinterbühne», mit dem er den Ort bezeichnet, wo wir unsere geheimen Rollen spielen, wo wir «probehandeln»: das Verdrängte, Verbotene, noch Unbekannte und Unbestimmte, das Vorbewusste spielend in Handlung umsetzen. Beim Filmsehen spielen wir auf dieser Hinterbühne, bis wir auf die Vorderbühne gerufen werden, wenn das Leben es verlangt. – Und wenn wir gestorben sind und unsere Leben selbst Geschichte ist, wird diese von andern auf der Hinterbühne gespielt, bis die Nachkommen erneut auf die Vorderbühne gerufen werden. Und so weiter, und so fort.

Artikelaktionen