Die
Fotografien von Rineke Dijkstra verlangen von uns Antworten, nachdem
wir mit den (abgebildeten) Menschen in Kontakt getreten sind. Der
Dokumentarfilm «Rhythm is it!» von Thomas Grube und Enrique
Sanchez Lansch laden uns ein zur Anteilnahme für junge Menschen,
die sich entwickeln und heranreifen. Und das Buch «Pensionierung
… Der Wegweiser für die dritte Lebensrunde» von
Hannelore Rizza, Roger Gauderon führt uns hinein in die unbekannte
Welt des Alterns und des Alters.
Fotos von Rineke Dijkstra vor oder nach dem Klimax
Die
Figuren der holländischen Fotografin Rineke Dijkstra stehen
«einfach» da. Fast alle ihre abgebildeten Menschen sind
jung, nicht mehr Kinder und noch nicht Alte: heranwachsende,
adoleszente, junge Erwachsene. Ein Teil steht im Badeanzug, halb nackt,
uns ausgesetzt, ohne die Möglichkeit, in Kleidern versteckt
Sicherheit zu finden. Sie erzählen Geschichten, die vorbei sind
oder erst beginnen, die in die Vergangenheit oder in die Zukunft
führen, nur nicht in die Gegenwart. Ganz «da»,
präsent mit Körper, Seele und Geist, sind sie nicht.
Menschen, die eine ungewisse Zukunft vor sich oder schwere Erlebnisse
wie eine Geburt, einen Stierkampf oder einen Militäreinsatz hinter
sich haben. Alle sind sie auf dem Weg: nicht mehr am Start, noch nicht
am Ziel.
Viele
Fotografen sind berühmt, weil sie den «entscheidenden
Augenblick» (Henri Cartier-Bresson) festhalten; Dijkstra, weil
sie das Davor und Danach zeigt: Menschen, die zögernd sagen, was
sie hoffen möchten, die schweigend erzählen, was sie Schweres
überlebt haben. Die rund 70 Bilder laden ein, den gezeigten
Menschen zu begegnen, ihnen zu antworten. Sie erfordern unsere
Anteilnahme, bieten so etwas wie Exerzitien an: durch Sehen,
Hören, Anteil Nehmen und Sympathie.
Die
Fotoausstellung «Rineke Dijkstra – Porträts»
ist, zusammen mit zwei weiteren interessanten Ausstellungen, bis 22.
Mai 2005 im Fotomuseum Winterthur zu sehen.
Der Film «Rhythm is it!» zeigt, wie junge Menschen wachsen
250 Kinder
und Jugendliche aus 25 Nationen, die meisten ohne jede Erfahrung mit
klassischer Musik, proben in Berlin eine Choreografie zu Igor
Strawinskys «Le Sacre du Printemps». Was vielleicht als
nette Abwechslung im Schulalltag begonnen hat, wird für die jungen
Menschen – und für uns Zuschauende – zur spannenden,
höchst emotionalen Entdeckungsreise ins eigene Ich und in die Welt
der Musik und des Tanzes. Auf Augenhöhe mit seinen drei
ausgewählten Protagonisten Marie, Martin und Olayinka
erzählen Thomas Grube und Enrique Sanchez Lansch in ihrem
Dokumentarfilm vom ersten grossen Education-Projekt der Berliner
Philharmoniker unter Leitung von Sir Simon Rattle. Er hatte die Vision,
dieses zu starten, und den Mut, den Choreografen Royston Maldoom zu
holen, der seit dreissig Jahren Projekte wie dieses auf der ganzen Welt
mit grossem Engagement durchführt. – Eben wurde der Film mit
dem Schiller-Sonderpreis der Stadt Mannheim ausgezeichnet.
Ein
mitreissender und gleichzeitig zärtlicher Film ist entstanden:
über das Vertrauen zu sich und zu andern, über die alle
Grenzen sprengende Kraft der Musik und des Tanzes und über die
Entdeckungen, die junge Menschen machen, wenn sie ernst genommen und
gefordert werden. Im Vordergrund steht der Prozess, in dem sie Musik in
Tanz umsetzen; im Hintergrund, wie sie dabei heranreifen in ihrer
Menschlichkeit. Der Film über das Projekt kann vielleicht auch als
moderne Form verstanden werden des «Erkenne dich selbst!»
am Tempel von Delphi. Oder als Plädoyer für Kunst und
Kunsterziehung: Kunst nicht als Luxus verstanden, der die Umwelt
verschönert, sondern als Notwendigkeit, die Sinn schafft;
Erziehung nicht als Sammlung von Rezepten, sondern als Geburtshilfe zur
wahren Menschwerdung.
Das Buch «Pensionierung» weist Wege ins dritte Alter
Als mir
der Prospekt für das Buch «Pensionierung» auf den
Tisch flatterte, reagierte ich abweisend: Schon wieder ein Altersbuch,
obwohl doch alles Wesentliche zum Thema schon geschrieben ist. Als ich
dann aber das Buch in Händen hielt, konnte ich es nicht mehr
weglegen. Es war für mich ein Ereignis, ein Geschenk! Bereits das
Äussere begeistert: eine grosszügige Bild- und
Schriftgestaltung und eine für Sachbücher selten schöne
Sprache. Das Buch informiert auf 300 Seiten über alle relevanten
Fragen des Älterwerdens und der Pensionierung. Wer ein bestimmtes
Thema sucht, kommt mit über 250 Stichworten zum Ziel. Und wer sich
für die Vernetzung der Altersthematik, über die
demografischen, ökonomischen, politischen, medizinischen Fragen
klug machen will, findet hier die Antworten, sachlich informativ und im
Ton stimmig, in drei Teilen: Fakten und Thesen; Vom Rat zur Tat;
Finanzen im Alter.
Hannelore
Rizza und Roger Gauderon bieten ihren Stoff didaktisch meisterhaft dar.
Das Werk ist die Ernte von Hunderten von Kursen der beiden. Es
enthält nicht nur ihre eigenen Erfahrungen, sondern auch jene von
unzähligen Betroffenen, von Menschen vor oder nach der
Pensionierung. Gleichzeitig werden Wissenschaftler, Künstler, aber
auch Lebenskünstler gefragt und deren Aussagen in den Text
verwoben. Eine sieben-seitige Bibliografie verweist auf die Quellen, wo
weitere Details abzuholen sind. Das Buch ist Menschen zu empfehlen, die
vor der Pensionierung stehen oder bereits pensioniert sind. Man kann
sich damit so richtig einlesen und einleben in das «unbekannte
Land» des Älterwerdens und des Alters. Es ist aber auch
für Fachleute, die selbst Altersvorbereitungskurse geben. Auch
diese bekommen Anregungen zuhauf. Für mich, der ich selbst seit
einem Vierteljahrhundert in der Altersarbeit tätig bin, ist es das
Standardwerk zum Thema Pensionierung!
Hannelore
Rizza, Roger Gauderon: Pensionierung … Der Wegweiser für
die dritte Lebensrunde. Werd Verlag, Zürich 2004, ISBN
3-85932-475-6, farbig illustriert, gebunden, 304 Seiten, Fr 44.90.