Kriege – direkt und indirekt erfahren

Krieg ist eine Grenzsituation des Lebens. Er macht Allgemeinmenschliches sichtbar, indem er es überhöht zeigt und Grenzen setzt. Bahman Ghobadi behandelt in «Turtles can fly» den Krieg im Irak, Saverio Costanzo beschreibt mit «Private» die Situation in Israel/Palästina. «The Syrian Bride» von Eran Riklis zeigt das Familienleben an der Grenze. (In Nummer 3/05 von «SozialAktuell» wurde bereits «Le Cerf-Volant» der Regisseurin Randa Chahal Sabbag zu einem ähnlichen Thema vorgestellt.) Und Andrés Wood schildert in «Machuca» den Krieg aus der Perspektive von zwei Kindern.

«Turtles can fly» – Kinder erleiden den Irak-Krieg

In atemberaubenden Bildern schildert dieser Film das Elend kurdischer Flüchtlinge in einem Dorf, unmittelbar vor der amerikanischen Militärintervention. Der irakische Regisseur Bahman Ghobadi schildert darin die Lebensverhältnisse der Kinder und Jugendlichen im Grenzgebiet zwischen Iran und Irak.

Die Kamera schwenkt in ein Flüchtlingslager. Der Stacheldraht wirkt bedrohlich, die Uniformierten verkörpern das Gesetz. Die hier zum Leben verdammten jungen Menschen fristen ein trauriges Dasein. Ihre einzige Einkommensquelle ist das Entschärfen von Minen, die sie anschliessend weiterverkaufen. Das geht nicht immer glimpflich ab. Die Verstümmelung der Körper und mehr noch der Seelen sind fast unausstehlich. Satellit heisst der Boss der Kindergang, der gleichzeitig als Übersetzer der CNN-Nachrichten wirkt, weil er sich mit dem Fernsehen auskennt und ein paar Brocken Englisch versteht. Die ersten Angriffe amerikanischer Bomber stehen unmittelbar bevor.

Der Blick auf die Protagonisten nimmt liebevoll Anteil. Ihre skurrilen Eigenarten lassen einen bisweilen sogar etwas schmunzeln. Dass die auswegslose Situation mit Komik aufgebrochen wird, tut dem Film gut. Die Laiendarsteller sind umso eindrücklicher, da es bei diesem Film kein festes Drehbuch gab und sie im Grunde ihr eigenes Leben mit beklemmender Authentizität spielten.

«Private» – Psycho-Terror eines aktuellen Krieges

Mohammad Bakri unterrichtet englische Literatur und lebt mit seiner fünfköpfigen Familie im Niemandsland zwischen einem palästinensischen Dorf und einem israelischen Militärstützpunkt, exakt in der Schusslinie der verfeindeten Parteien. Die israelische Armee beschliesst, das strategisch wichtige Haus zu besetzen. Er aber weigert sich auszuziehen und ist, als Anhänger der Gewaltlosigkeit, überzeugt, dass eine Lösung gefunden werden kann. Da die Familie im Haus bleibt, nimmt man eine geradezu absurde Zonenaufteilung vor. Der obere Stock wird zum israelischen Militärlager, den unteren bewohnt die palästinensische Familie, die weiterhin ihren alltäglichen Verpflichtungen nachgehen darf, die Nacht jedoch im Aufenthaltsraum eingesperrt verbringen muss.

Unterschiedlich sind die Reaktionen der einzelnen Familienmitglieder auf die Besatzer. Währen der Pazifist Mohammad allein durch seine Anwesenheit passiven Widerstand leisten will, ist die älteste Tochter Mariam nicht bereit, sich an das Arrangement zu halten. Die permanente Auseinandersetzung mit den Eindringlingen erweist sich für die Familie als harte Prüfung, pendelnd zwischen Verzweifeln und Hoffen, Aufbegehren und Verstummen.

Das Doku-Drama des Italieners Saverio Costanzo erzählt von einer Welt, in der das Private politisch und das Politische privat wird. Es basiert auf einer wahren Begebenheit. Und wer selbst schon an der Mauer gestanden ist, welche die beiden Völker trennen soll, muss bezeugen: So ist es, leider!

«Machuca» – Allendes Sturz aus Kindersicht

Der Chilene Andrés Wood schildert in seinem packend erzählten und eindrücklich besetzten Sozialdrama die Wochen vor dem Militärputsch Augusto Pinochets aus der weitgehend ideologiefreien Kinderperspektive. Ein elfjähriger Junge aus privilegierten Verhältnissen freundet sich mit einem Gleichaltrigen an, der als eines von mehreren Slumkindern in seine Klasse aufgenommen wird. So lernen die Jungen bei gegenseitigen Hausbesuchen eine ihnen zuvor vollkommen verschlossene Welt kennen – bis der Direktor von den Putschisten verhaltet wird.

Krieg wirkt also nicht nur direkt auf die Menschen im Krieg, sondern auch indirekt, im Leben der Familien mit ihren Sitten und Gebräuchen. Und dies wiederum beeinflusst auch das Leben der Kinder und Jugendlichen.

«The Syrian Bride» – Familienbande zerreissen

Mona, die in dem von Israel besetzten Teil der Golanhöhen wohnt, soll den syrischen Fernsehstar Tallel heiraten. Der Bräutigam, den sie nur aus dem Fernsehen kennt, wurde von ihrer Familie für sie ausgesucht. Um sich vermählen zu können, muss sie ihre Angehörige für immer verlassen. Denn wenn sie die Grenze nach Syrien einmal überschritten hat, wird sie nie mehr in ihre Heimat zurückkehren dürfen. Die Hochzeit bedeutet für sie nicht nur den endgültigen Abschied von der Familie, der ihr sichtlich schwer fällt, sondern gleichzeitig die Befreiung von deren traditionellen Zwängen. So begibt sich am Hochzeitstag die Braut, begleitet von ihrer ganzen Familie, mit gemischten Gefühlen auf den Weg zur Grenze. Doch dort scheint das von langer Hand geplante Fest plötzlich an unerwarteten bürokratischen Hürden der Grenzbeamten zu scheitern.

Die Frauenfiguren vor allem zeigen in diesem Film die verschiedenen möglichen Antworten auf den Krieg, dessen politisch geografischen, aber auch zwischenmenschlich psychologischen Grenzziehungen durch die fundamentalistischen Rollenzuweisungen an Mann und Frau. Ein Dokument physischer und emotionaler Grenzen und der Kraft, diese zu überschreiten.

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