Hiam Abbass, die Ikone des palästinensischen Films
Das Kino Xenix Zürich und das Kunsthauskino Bern zeigen im Januar 2011 eine Retrospektive der Filme mit und von Hiam Abbass, der bedeutendsten palästinensischen Darstellerin und Regisseurin: in Zürich vom 27. Januar bis 2. Februar, in Bern von 8. bis 31. Januar. Ende Januar wird sie als Gast erwartet. Das genaue Programm ist auf www.kinokunstmuseum.ch respektive www.xenix.ch oder in der Lokalpresse ersichtlich. Eine seltene Gelegenheit, diese Filme erstmals zu sehen, wenn man sie bisher verpasst hat, oder wieder zu sehen, wenn man sich erneut von ihrem Zauber und ihrem Ernst entführen lassen will!

Nachfolgend eine Zusammenstellung aller in Zürich und/oder Bern gezeigten Filme:
«Le pain» von Hiam Abbass, 2001
«Satin rouge» Raja Amari, 2002 (Bild oben)
«La dans eternelle» von Hiam Abbass, 2003
«The Syrian Bride» von Eran Riklis, 2004 (Titelbild)
«Paradise Now» von Hany Abu-assad, 2004
«Free Zone» von Amos Gitai, 2005
«Munich» von Steven Spielberg, 2005
«Lemon Tree» von Eran Riklis, 2008 (Bild unten)
«The Visitor» von Thomas McCarthy, 2008
«The Limits of Control» von Jim Jarmusch, 2009)
«Chaque jour est une fête» Dima El-Horr, 2009
«Miral» von Julian Schnabel, 2010

Die Zahl der (Haupt-)Rollen für Frauen nimmt umgekehrt proportional zum Alter ab. Meist sind, wenn überhaupt, nur noch kleine Parts zu haben, diese nicht selten in Form von karikierten Müttern, Tanten oder Omas, die sich durch ihre Beziehung zur Hauptfigur definieren. Normalerweise nehmen Schauspielerinnen deshalb bis Ende dreissig jede Rolle an, die sie nur kriegen können, um sich dann ins Private zurückzuziehen, eine Familie zu gründen und vielleicht noch ein bisschen Sprechunterricht zu erteilen. Nicht so Hiam Abbass. Sie machte es umgekehrt: Zuerst heiratete sie, bekam zwei Kinder, arbeitete als Fotoreporterin, als Lehrerin und Produktionsassistentin bei einem Film. Erst dann, Anfang vierzig, wurde sie als Schauspielerin ein Star, eine Galionsfigur emanzipatorischer arabischer Frauenrollen. Abbass’ wohl grösste Stärke ist es, ihre Figuren immer in ihrer Ganzheit auszuloten: unangepasst, stark, kämpferisch und dennoch einfühlsam und fragil, sinnlich und engagiert.

Die Friedensikone des Nahostkonfliktes
Hiam Abbass dreht inzwischen in Französisch, Englisch und verschiedensten arabischen Idiomen und steht in Israel, Frankreich, Tunesien, Marokko und den USA vor der Kamera: Immer in Charakterrollen, die man ihr häufig sogar auf den Leib schreibt. Vor allem aber ist sie zu einer Art Friedensikone des Nahen Ostens geworden. Als erste palästinensische Schauspielerin erhielt sie vor zwei Jahren den nationalen Filmpreis Israels.
In Werken wie «Satin rouge», «The Syrian Bride», «Paradise Now», «Free Zone» und «Lemon Tree» verkörpert sie – manchmal realistisch, manchmal symbolisch – Frauen, die sich einmischen, die Widerstand machen. Ihre Filme, allen voran «Paradise Now», in dem sie die Mutter eines Selbstmordattentäters spielt, wurden aufgrund ihrer Sympathien für die Palästinenser zum Teil kontrovers aufgenommen. Doch letztlich kämpft sie in all ihren Werken für nichts anderes als mehr Menschlichkeit. Angesichts des (schier) hoffnungslosen Konflikts im sogenannten Heiligen Land gibt sie den dortigen Menschen ein Gesicht und macht bewusst, dass es immer um Menschen geht, Frauen, Männer, Kinder. Damit hilft sie uns in Europa und Amerika, zu den Kurzinformationen, die das Fernsehen bringt, Hintergründe zu erfahren, Ursachen und Zusammenhänge zu erkennen, die uns – so hoffe ich – befähigen, die verschiedenen Wirklichkeiten in Palästina und Israel wahr zu nehmen.

