Filme, die Tabus brechen
Wissenschaft berichtet über Menschen; in der Kunst, so auch im Film, handeln die Menschen. Das geht nahe, weil Kunstwerke ja nur funktionieren, wenn die Rezipienten mitmachen, sich einbringen, mitkreieren. Drei aktuelle Kinofilme brechen Denk- und Verhaltensweisen, die oft zu Tabus werden, auf.
«Crash Test Dummies» – Tabu EU-Beitritt
1. 1. 2007: Rumänien tritt in die EU ein. Für Politiker ein Anlass zum Feiern. Das ist die offizielle Weltgeschichte, die «Vorderbühne» sozusagen. Was auf der «Hinterbühne» (Erwing Goffman) geschieht, entgeht meist unserer Aufmerksamkeit. Der Österreicher Jörg Kalt erzählt die Geschichte eines rumänischen Pärchens, das ohne Geld und Adresse am Bahnhof Wien-Mitte strandet. Ihre Wege trennen sich, kreuzen sich mit Einheimischen und führen schliesslich wieder zusammen und – zurück, woher sie gekommen sind.
Der Film schildert die Befindlichkeit von jungen nicht privilegierten Menschen auf vom Osten in den Westen. Sie sind in ständiger Bewegung, doch nicht auf ein Ziel hin, sondern bloss von einem Orten weg. Sie kämpfen ums Überleben wie Versuchspersonen bei Crash-Tests. Heiter und gelassen behandelt der Film mit einem angenehm unmoralischen Schulterzucken Themen wie Selbstbestimmung, Heimat und Migration, ohne je die «richtige» Lösung verordnen zu wollen. Orientierung fehlt überall und jederzeit. In diesem Niemandsland werden Adressen, Treffpunkte, Kontakte gesucht, verpasst, gefunden und wieder verloren. «Look, I don’t know where I am and you don’t know where I am – so, how will we meet?», meint der junge Mann am Telefon.
«Les témoins» – Tabu Sexualität
André Téchiné geht mit diesem engagierten Film zurück in die frühen 80er-Jahre, der Zeit der alltäglich gewordenen sexuellen Revolution, bis die Krankheit mit dem geheimnisvollen Kürzel Aids auftaucht und alles verändert. Der Film zeigt «Zeugen» einer Zeit, in der erneut unsicher wurde, was seit der Entdeckung der Pille als sicher und allen verfügbar galt: die Sexualität. Es war die hektische Epoche, in der die Liebe ihre Unschuld verlor und schuldig wurde.
Die Toleranz zweier junger Eheleute, die einander Seitensprünge erlauben, wird durch eine schwule Affäre des Ehemannes auf eine harte Probe gesellt. Denn sein Lover wird nicht nur vom schwulen Familienfreund beansprucht. Der 20-Jährige wird plötzlich von einer merkwürdigen, tödlichen Krankheit befallen. Ihre vielfältigen Beziehungen zielen alle auf die eine Frage: Was ist eigentlich Sexualität? Und als Antwort drängt sich das alte Bild von den zwei Halbkugeln auf, die erst zusammen das Ganze, die Fülle, die Vollendung bilden. Und dies hat jetzt seine Selbstverständlichkeit verloren. In diesen innersten Kern der menschlichen Existenz ist der tödliche Virus eingedrungen, trifft uns alle im Kern unseres Seins.
«Zeit des Abschieds» – Tabu Sterben
Wenn der Film beginnt, ist sein Hauptdarsteller bereits tot. Der 44-jährige Giuseppe Tommasi, von allen Giusi genannt, wird mit Blumen und einer Tafel Schokolade eingesargt und ins Krematorium gebracht. Die Todesursache ist Krebs, durch eine HIV-Infektion verursacht. Er verstarb im Hospiz Zürcher Lighthouse. Neun Monate früher, als es ihm noch besser ging, unterzeichnete er seinen letzten Willen. Von der Grösse des Sargs bis zum Ort des Grabes ist alles geregelt. Er weiss, was er will und was nicht. Künstlich am Leben erhalten werden, das will er nicht. Der Tod naht, und Giusi hat sich damit abgefunden. Nur zwei Wünsche möchte er sich noch erfüllen: Nicht als Junkie sterben und mit seiner Familie und den Kindern ins Reine kommen.
Mehdi Sahebi, der im Iran geborene und in der Schweiz lebende Regisseur, begleitet ihn, sprechend, zuhörend und filmend, während der letzten Zeit seines Lebens, seines langsamen Sterbens. Sachlich und dennoch liebenswürdig, ethnografisch distanziert und zwischenmenschlich berührend. Während gut einer Stunde sind wir bei Guisi, hören ihn sprechen, sehen ihn handeln, antworten ihm innerlich, lernen das Sterben kennen, beschäftigen uns damit, werden damit vertraut, was ursprünglich glauben, hoffen, zutrauen bedeutete.

